Trauer und Solidarität

Warum passiert das, Gott?
Warum mitten unter uns? Fragt der Landesjugendpfarrer  der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland Peter Herrfurth nach der Gewalttat von Halle: Am Mittag piepte mein Handy...  Meine Tochter hat getippt: „Ruf Oma an! In Halle ist Ausnahmezustand. Wir wissen nicht, was passiert ist. Aber keiner darf raus. Sie soll ihre Wohnung nicht verlassen!
Oh, mein Gott! Ich verfolge den Live-Ticker: Ein toter Mann am Dönerimbiss, eine junge Frau erschossen an der Straßenbahn.
Ich kenne diese Straßen und das Paulusviertel. In der Synagoge sind etwa 80 Menschen versammelt, als einer mit Gewehr dort eindringen will. Ich kenne auch diese Synagoge aus weißem und rotem Backstein, umgeben von Gräbern. Aber was dort passiert, das kenne ich nicht.
Ich dachte lange: Sowas gibt’s nur in Geschichtsbüchern oder irgendwo weit weg von hier.
Ich glaubte lange: zum Glück muss ich das nicht erleben.
Und nun bin ich fast mittendrin.
Mitten unter uns wird geschossen.
Mitten unter uns wird Gewalt ausgeübt. Mitten unter uns wird gegen Menschen gehetzt, gegen ihre Herkunft, gegen ihren Glauben. Mitten unter uns wird das Miteinander vergiftet.

Warum passiert das, Gott? Warum mitten unter uns?
Ich hole aus dem Schrank eine Kippa, so eine kleine jüdische Kopfbedeckung, die ich mir vor ein paar Jahren in Jerusalem gekauft habe. Ich fühle ihren Stoff in meinen Händen und bete ein jüdisches Gebet:
Der Frieden schafft in seinen Höhen, er schaffe Frieden unter uns.
Ich fühle den Stoff und denke an den Mann am Dönerstand.
Ich fühle den Stoff zwischen meinen Fingern und denke an die Frau an der Straßenbahn, an die Menschen in der Synagoge, an meine Mutter und an meine Töchter, an die Hallenser, an die Polizisten und die Sicherheitskräfte, die für uns da sind in dieser furchtbaren Situation.
Ich denke an jene die weinen, die Angst haben, die in Panik geraten sind.
Ich fühle den Stoff und ich fühle mit meinen jüdischen Geschwistern.
Ich spüre, dass Gott jetzt in Halle auf einem Bordstein sitzt, und seine Tränen fallen auf das Straßenpflaster.